Sie ist da! Die neue 82079!

, - Normen & Richtlinien, Technische Dokumentation

Nun ist sie erschienen. Ihre genaue Bezeichnung lautet "IEC/IEEE 82079-1:2019-05 Preparation of information for use (instructions for use) of products - Part 1: Principles and general requirements". Der geplante deutsche Titel "Erstellen von Gebrauchsanleitungen - Gliederung, Inhalt und Darstellung - Teil 1: Allgemeine Grundsätze und ausführliche Anforderungen".

In Erklärungen wird die Norm auch noch als Second Edition bezeichnet. Gegenüber der "Final Draft"-Version, über die wir bereits berichtet haben, hat sich nichts geändert, ging es doch nun um die endgültige Abstimmung.

Leider hat die Öffentlichkeit keinen Zugriff auf das Abstimmungsdokument, um etwa die Beteiligung der Länder zu sehen. https://www.iec.ch/cgi-bin/restricted/getfile.pl/3_1401e_RVD.pdf?dir=3&format=pdf&type=_RVD&file=1401e.pdf

Die Norm liegt bisher nur als englische und französische Ausgabe vor, eine deutsche Version soll erst 2020 erscheinen, ein doch eher sonderbarer und fragwürdiger Aspekt bei einem 60-Seiten-Dokument.

Keine Überraschungen

Die nun wichtigste Norm für die Technische Dokumentation bietet für die Dokumentationsprofis keine Überraschungen. Gegenüber der bisherigen 82079:2012 wurden einige scharfe Forderungen wieder reduziert. So wurde beispielsweise folgende Formulierung ersatzlos gestrichen: „Ein Anspruch auf Konformität mit diesem Teil der IEC 82079 kann nicht erhoben werden, es sei denn, die Gebrauchsanleitungen wurden von geeigneten qualifizierten Experten bewertet. Diese Experten dürfen nicht schon vorher beim Schreiben der Gebrauchsanleitungen oder an der Entwicklung, Gestaltung, Produktion oder Vermarktung für das fragliche Produkt beteiligt gewesen sein.“

Praxistests empfiehlt die Norm allein für Consumerprodukte "Evaluation of information for use of a consumer product should include an empirical effectiveness check." Dies ist nur eine der Beschränkungen, deren Logik sich mir nicht erschließt.

Die wichtigsten Grundsätze

Die wichtigsten Grundsätze der Norm sind: Betonung von Prinzipien – Details sollen „nur“ zur Anregung und zur Verdeutlichung des Prinzips dienen.Im Gegensatz zu Wortklaubern, die bei Normen gerne Punkt und Komma interpretieren, betont die Norm, dass Dokumentationsexperten diese Prinzipien entsprechend der Produkt- und Zielgruppenanforderungen geeignet interpretieren sollen.

Beispiel: Quasi als Grundgesetz präsentiert die Norm das „Information Typing“, eine Logik, die wir genau so von DITA , dem anglo-amerikanischen XML-Standard für Topics kennen:

Diese Dreiteilung ist übrigens seit Beginn an Bestandteil des Konzepts des itl-Kompaktseminar, wie auch die genannten Prinzipien in der Norm.

Beispiel: Sicherheits- und Warnhinweise

Die Norm lässt offen, wie Sicherheits- und Warnhinweise konkret gestaltet werden sollen. Nicht einmal die berühmte Dreiteilung nach Gefährdungsstufen mit den Signalwörtern Gefahr, Warnung und Vorsicht wird zum Grundgesetz erhoben:

"However, such distinctions can be too subtle to affect behaviour (or to be translated). In certain circumstances, signal phrases such as "DANGER OF DEATH", "RISK OF BLINDING", or "BEWARE OF FUMES" can be more effective at drawing greater attention to some instructions or safety information than signal words."

Auch eine bestimmte einzuhaltende Gliederung und Kapitelreihenfolge von Anleitungen (die mit Blick auf gedruckte Information vielleicht noch Sinn hatte) sucht man vergebens in der Norm:
Vielmehr wird gefordert, dass eine Strukturierung/Gliederung Usability- und Verständlichkeitskriterien folgen soll, die dann bestimmten Strukturierungsprinzipien entsprechen.
 
Die für mich wichtigste Neuerung ist, dass die Norm endlich jegliche Bevorzugung von gedruckten Werken aufgibt:

"The supplier shall determine the media and format of the information for use according to the nature of the target audiences and based on their needs. The media and format shall allow easy access to information for use throughout the intended lifetime of the product."

Ein Blick auf die Prinzipien – Übersicht

Prozess

  • Analyse und Planung der Information
  • Design und Entwicklung, einschl. Review, Überarbeitung und Tests “Style guide should be established“, “consistent terminology“
  • Nachhaltigkeit, Zielgruppenfeedback, Wartung, Verbesserung
  • Produktion und Verteilung

Inhalt

Prinzipien:

  • Minimalismus
  • Vollständigkeit
  • Korrektheit
  • Verständlichkeit
  • Prägnanz
  • Konsistenz

Strukturierung

  • Aufgabe
  • Produkt
  • Phasen
  • Zielgruppe
  • Kognition
  • Alphabetisch
  • Navigationsmethoden für Druck und Online

Format/Medium

  • Elektronische Medien sind gleichberechtigt neben dem Druck
  • Für Anwender muss ein ständiger, einfacher Zugriff möglich sein.

Aus den bekannten Inhaltsprinzipien fällt vielleicht das „Minimalismus-Prinzip" heraus. Leider tun sich die Autoren schwer, Minimalismus zu definieren:

"Minimalism means that only relevant information is provided." "Minimalism is an approach to information for use that includes critical information and the least amount of other information needed to be complete."

Gemeint ist die Handlungsbezogenheit von Anleitungsinformationen:
Anleitungen müssen den Nutzer durch eindeutige Instruktionen zum Handeln befähigen. Weitere Informationen sollen nur dann bereitgestellt werden, wenn sie zum sicheren Durchführen der einzelnen Handlungsschritte nötig sind.

Interessant ist, dass die Norm neben Verständlichkeitsaspekten auch wirtschaftliche Kriterien als maßgebend für das Minimalismusprinzip ansieht: "Minimalism balances the cost of developing and sustaining information for use with the needs of the target audiences …"
 
Insgesamt ist die Neuauflage der 82079 im Vergleich zur Version von 2012 gut gelungen, wenn man sich auch in mehreren Punkten – etwa bei Warnhinweisen – ausführlichere und konkretere Aussagen wünschen würde, etwa analog zur ANSI Z535.6 (Product Safety Information in Product Manuals, Instructions, and Other Collateral Materials).
In einem kann ich die Norm nur begrüßen, sie betont, dass Experten die aufgestellten Prinzipien adäquat umsetzen müssen und will bewusst nicht als einfache Checkliste für Dokumentationslaien missverstanden werden.
 
Spannend wird es nun 2019/2020 noch einmal, wenn die Norm 20607 (Sicherheit von Maschinen – Betriebsanleitung – Allgemeine Gestaltungsgrundsätze (ISO/DIS 20607:2018); Deutsche und Englische Fassung prEN ISO 20607:2018) endgültig verabschiedet wird: Wird sich die Norm 20607 endlich als reine Ergänzung zur 82079 begreifen oder doch faktisch als „Konkurrenzprodukt“ auftreten?

Resümee

Die Neuauflage der 82079 ist im Vergleich zur Version von 2012 viel besser strukturiert. Als generelle Norm betont sie zurecht eher die Prinzipien als Listen von Details anzubieten, die im konkreten Produktkontext doch immer unzureichend bleiben müssen.

In einem kann ich die Norm nur begrüßen: Sie betont, dass Dokumentationsexperten die aufgestellten Prinzipien adäquat umsetzen müssen und will bewusst nicht als einfache Checkliste für Dokumentationslaien missverstanden werden.

Die Vorschläge zur Warnhinweisgestaltung sind überraschend ungenau, analoge Überlegungen vergleichbar zur ANSI Z535.6  hätte ich vorgezogen.
Eine interessante Frage wird nun sein, ob sich die kommende zweite Norm speziell für Betriebsanleitungen 20607 (Sicherheit von Maschinen – Betriebsanleitung – Allgemeine Gestaltungsgrundsätze (ISO/DIS 20607:2018); Deutsche und Englische Fassung prEN ISO 20607:2018) als sinnvolle Ergänzung zur 82079 begreift oder doch als „Konkurrenzprodukt“ auftritt.

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Wer ist Dieter Gust

Dieter Gust ist seit 1986 bei itl. Als Leiter der Abteilung Forschung & Entwicklung legt er seinen Schwerpunkt auf die Themen Prozessautomatisierung, kontrollierte Sprache und nutzungsgerechte Aufbereitung von Dokumentation. Am 1. Januar 2014 wurde er in den Aufsichtsrat berufen.

Herausgeber: itl AG München ,

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