Die neue Norm 20607: Sinnvolle Ergänzung oder überflüssiger Wettbewerb?

, - Technische Dokumentation, Normen & Richtlinien

Im März 2018 hatten wir bereits zum Normentwurf ISO/DIS 20607:2018 berichtet (mehr dazu: Blog-Artikel). Schon damals hatten wir das Gesamtkonzept und die sprachliche Detailgestaltung weitgehend kritisiert. Nun ist die neue Norm 20607 endgültig veröffentlicht worden.

Was gibt es Neues?

Am Gesamtkonzept der EN ISO 20607:2019 hat sich seit dem Normentwurf vor rund eineinhalb Jahren nichts geändert. Die Norm 20607 und ihre vorschnelle Veröffentlichung wirken ein wenig wie ein überflüssiger Wettbewerb zur 82079. Daran ändern auch die positiven Vorträge und Artikel von Roland Schmeling und Martin Rieder wenig (beide Experten präsentieren bei der tekom laufend die Normen 20607 und 82079). Denn obwohl diese neue Norm eine völlig andere Nummerierung aufweist, hat sie nahezu den gleichen Inhalt wie die bereits existierende Norm 82079 (mehr dazu: Blog-Artikel)

Zumindest wurde die veröffentlichte Version sprachlich soweit verbessert, dass das „Prinzip Kochbuch“, d. h. eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, überhaupt erst funktionieren kann. Ergänzend wäre ein weitergehendes Sprachlektorat jedoch durchaus sinnvoll gewesen; denn neben einigen fragwürdigen Formulierungen werden auch einzelne Anweisungen immer noch als „Anleitungen“ bezeichnet.

Detailaussagen zur Warnhinweisgestaltung fehlen in der Norm 20607:2019 genauso wie in der Norm 82079 gänzlich. Dies hat Vor- und Nachteile: Einerseits ist das Fehlen von Detailaussagen dem Kenner ohnehin lieber, damit er endlich gegen die Warnhinweisflut vorgehen kann. Andererseits wird es nun umso mehr Redakteure geben, die die ANSI Z535.6 zum Gestaltungsmaßstab für Warnhinweise machen.

Keine Vorschriften beim Dokumentationsmedium

Die neue Norm 20607 bietet eigentlich nur eine einzige, wirklich positive (ja fast schon revolutionäre) Neuerung:

Das Dokumentationsmedium ist nun völlig offengelassen und auch die Lieferung eines physischen Dokumentationsmediums wird nicht bestimmt, sondern bleibt der jeweiligen Hersteller-Kundenbeziehung überlassen („im Bewusstsein von gesetzlichen Forderungen“), was immer das nun heißen mag.

Fazit

Insgesamt wirkt die neue Norm 20607 weniger gegensätzlich zur Norm 82079 und zeigt durchaus anregende, konkrete und ergänzende Beispiele. Dennoch: Eigentlich hätte ein entsprechender kurzer Anhang in der bereits vorhandenen Norm 82079 völlig genügt, anstatt mit entsprechendem Aufwand für Ersteller und Nutzer eine völlig neue Norm auf dem Markt zu bringen.

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Foto Dieter Gust

Wer ist Dieter Gust

Dieter Gust ist seit 1986 bei itl. Als Leiter der Abteilung Forschung & Entwicklung legt er seinen Schwerpunkt auf die Themen Prozessautomatisierung, kontrollierte Sprache und nutzungsgerechte Aufbereitung von Dokumentation. Am 1. Januar 2014 wurde er in den Aufsichtsrat berufen.

Herausgeber: itl AG München ,

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3 Kommentare

Dieter Gust

28. November 2019

Ich kann Roland Schmeling nur bestätigen und ihm und den anderen tekom-Mitgliedern danken, wie sie sich für eine gut nutzbare Norm 82079 eingesetzt haben und den Zweck 20607 kritisch hinterfragt haben.

Die wichtigsten Unklarheiten und für viele zunächst nicht nachvollziehbaren Abgrenzungen seitens der 20607-Autoren zur 82079 sind beseitigt. Deshalb definieren wir im neuen itl-NormenGuide auch die 20607 als Teilmenge der 82079.

Für diejenigen Anwender, die beide Normen als Orientierungshilfe für eine Dokumentationsplanung definieren möchten, bleibt allerdings immer noch unklar, wie das Zusammenspiel der Normen aussieht: vgl. tagungen.tekom.de/fileadmin/tx_doccon/slides/2387_ISO_20607_und_IEC_82079_1_wie_passt_das_zusammen_.pdf.

Folie S. 23 erklärt die 20607 als Vertikalnorm und die 82079 als Horizontalnorm: Mir signalisiert das, dass die 20607 detaillierter auf die Anforderungen Maschinenbau eingeht als die 82079.

In neuesten Vorträgen von Martin Rieder technischekommunikation.info/schwerpunktthemen/die-zwei-maschinen-dokumentieren-1008/ wird die 20607 als Basisnorm und die 82079 als Detailnorm präsentiert - in meinem mentalen Modell entsteht nun der Widerspruch, welche Norm als grundlegend und welche als konkreter insbesondere für den Teilbereich des Maschinenbaus sein will. Die Norm 20607 ist sprachlich einfacher und inhaltlich kürzer gefasst: "Die Norm kann in diesem Fall als Erste-Hilfe-Instrument angesehen werden. Sie unterstützt Unternehmen ohne Fachpersonal oder ohne eigene Technische Redaktion ." (Martin Rieder). Diesen vordergründig "pragmatischen Ansatz" halte ich doch für sehr problematisch. Anforderungen an eine Dokumentation sind immer mindestens proportional steigend entsprechend der technischen Komplexität und des Restrisikos des dokumentierten Produkts. Was für die Doku einer Consumer-Wetterstation noch als pragmatisch gelten mag, ist für ein Produkt mit potenzieller Lebensgefahr nicht durch ein "Kochbuch für Laien" abdeckbar. Und eine Norm, die "Usability" völlig ausklammert (weil noch vom jedermann bekannten mentalen Modell der Papiernutzung getrieben), ist gerade für den Maschinenbau nicht "pragmatisch" sondern nur "problematisch vereinfachend". Wie gesagt, als redaktionelle Ergänzung zur 82079 finde ich einige Passagen der 20607 gut, aber nicht als "pragmatische Norm" für den Maschinenbau.

Und die 82079 verlangt für die Normerfüllung ausdrücklich nicht die Befolgung des dokumentierten Informationsmanagementprozesses, legt diesen Prozess aber gerade für "Nicht-Consumer-Produkte" nahe.


Jürgen Heitzmann

28. November 2019

Politik

Hallo,

 

kann es sein, dass bei der Erstellung des Artikels die "politischen" Hintergründe der EN ISO 20607:2019 nicht bekannt waren?

 

Viele Grüsse

 

Jürgen


Roland Schmeling

25. November 2019

Richtigstellung

Falls hier der Eindruck entstehen sollte, dass ich mich über die ISO 20607 auch nur einen einzigen Moment gefreut hätte oder diese Norm gar gefördert hätte, kann ich dies nur schärfstens zurückweisen. Nicht nur ich, viele aus dem Kreis der IEC 82079-1 (JWG16) haben sehr gerungen und viel Zeit und Nerven investiert, um den fahrenden Zug der ISO 20607 aufzuhalten oder umzulenken, oder eine konstruktivere Zusammenarbeit mit dem TC199 zu erreichen. Dabei haben wir sehr viel erreicht, wie ein Vergleich mit dem Draft der ISO 20607 zeigen würde. Widersprüche haben wir beispielsweise weitgehend eliminiert. Aber ein TC199 verweist man nicht einfach mal in die zweite Reihe der JWG16; Normung ist auch Politik. Es nützt nichts: wir müssen - erstmal - mit dem Ergebnis leben und nach vorne schauen. Über konstruktive, realistische und zukunftsgerichtete Anregungen freue ich mich.


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